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Gedichte von Rosa Meinhardt

Die alte Kapelle

Es steht eine alte Kapelle
im schönen Loquitzgrund,
auf ihrer alten Schwelle
einst mancher Pilger stund.

Doch dort an jener Stelle,
wo betend sie gekniet,
ein rußʼger Schmiedʼgeselle
jetzt seinen Blasʼbalg zieht.

Erzählten die alten Mauern,
was sie gehört und geseh’n,
wir würden von heiligen Schauern
ergriffen vor ihnen stehn.

Ein Ritter lägʼ drunter begraben,
so kündet und lautet die Mär,
ein Ritter auf schwarzem Rappen
mit silbernen Sporen und Speer.

Auch weiß Frau Sage zu künden,
drin lägʼ eine Truhe mit Gold,
doch der nur würde sie finden,
dem Glück und Minne hold.

Manch einer heimlich schon suchte
nach Gold und Speer und Sporn,
und gottvergessen dann fluchte,
weil Zeit und Mühe verlorʼn.

Und sitzʼ ich in meiner Klause
zur mitternächtlichen Stundʼ,
dann raunt und geistertʼs im Hause,
da wird so manches mir kund:

Ich wühle in goldenen Schätzen
und bin wie „Rothschild“ so reich,
ich kann an Gold mich ergötzen –
bin einer Königin gleich.

Da bin ich mit Rittern und Grafen
versammelt bei köstlichem Schmaus
und ziehʼ mit ihren Gewaffen
in Wundergefilde hinaus.

Doch daß nicht neidische Blicke
die goldenen Schätze entweihʼn,
schließʼ ich die kostbaren Stücke
in ihr Versteck wieder ein.

Hausverschönerung

Wie schön spann doch der wilde Wein
jahraus, jahrein mein Häuschen ein
und hat zur heißen Sommerszeit
bis tief im Herbst mein Herz erfreut!

Doch ach! Heutʼ kamen wohl zehn Mann,
die fingen hier ihr Tagwerk an:
Der Töpfers-Karl, der Schneiders-Schorsch,
noch jeder lustig wie ein Borsch,
dann zwein – flott und graziös –
Der Güntsch und Zahners-Anderes,
zwei, die sich auch nicht lumpen ließen,
ich denke, daß sie Bergmann hießen;
und auf dem Rad — leisʼ wie ein Zwerg
kam einer gar von Weitisberg.
Der hat mir noch zum Schabernack
das Kesselrohr verstopft – der Schlack.
Zum Schlusse kamen noch gesprungen
drei Lehrlinge, drei flotte Jungen:
Der Färbers-Fritz – klein ist er bloß -,
von Ottendorf der Arthur Groß,
dann noch so ein ganz dicker, kleiner, –
das war dem großen Töpfer seiner.

Schnell bauten ein Gerüst sie auf
und kletterten behend hinauf
und fingen zu scharwerken an,
so schnell, wieʼs nur der Maurer kann.
Verwundert sah ich ihnen zu
und sprach: „Laßt ja den Wein in Ruh!“
Doch ach! Sie fingen an zu rupfen
und an dem Laub herumzuzupfen,
sie rissen jeden Zweig herab
und brachen alle Äste ab;
sie ließen auch nicht eher nach,
bis all das Grün am Boden lag. –

Wie nun die Herrlichkeit so fiel,
zur Erde sank das Blätterspiel,
warʼs mir, als nähmʼ von meinem Herz
ein jeder was in frechem Scherz.
Und manche Träne, brennend heiß,
trat mir ins Auge heimlich – leis
und fiel verstohlen mit hinab
in meines wilden Weines Grab.
Nun stehʼn die Fenster kahl und leer,
kein einzʼges Zweiglein grüßt mich mehr,
wenn nach des Winters kalter Nacht
der Lenz im grünen Kleid erwacht;
kein buntes Blatt weht mehr herein,
wenn nun der Herbstwind bläst landein. –

Und – ach! Ich trauʼre nicht allein,
es trauern auch die Vöglein klein,
die sich so gern im Laub versteckt,
wenn sie Gewittersturm erschreckt.
Sie haben drin ihr Nest gebaut,
warʼn liebe Gäste, – mir vertraut. –
Zur Winters- wie zur Sommerszeit
hat ihr Gezwitscher mich erfreut.
Nun flogen sie erschrocken fort,
weiß nicht wohin, kennʼ nicht den Ort!
Nun istʼs so still um unser Haus,
kein Vöglein fliegt mehr ein und aus.

Ach, Maurer! Seid ihr böse Leutʼ,
nahmt mir, was mich so sehr erfreut!
Doch weil ihr „schön“ mein Haus „beschmiert“,
so „kunstvoll“ alles ausgeführt,
will ich euch dennoch dankbar sein
und auch nicht zürnen ob dem Wein.